Beschwerde- und Hinweisgebermanagement
Von Redaktion techport.ai, HR-Beratung · Zuletzt aktualisiert am
Das Unternehmen hat eine Meldestelle, weil das Gesetz sie verlangt. Sie besteht aus einer E-Mail-Adresse, die der Compliance-Beauftragte liest, wenn er Zeit hat. Im letzten Jahr kam eine Meldung. Gleichzeitig landeten im HR-Postfach zwölf Beschwerden über Führungskräfte, drei Hinweise auf Arbeitszeitverstöße und ein Vorwurf sexueller Belästigung. Keiner davon wurde als Meldung erfasst, keiner mit den Fristen des Hinweisgeberschutzgesetzes bearbeitet, und bei zwei Fällen lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen, was passiert ist.
Ein Hinweisgebersystem ist kein Briefkasten. Es ist ein Prozess: Eingang, Bestätigung, Prüfung, Maßnahmen, Rückmeldung, Dokumentation. Und er muss auch die Fälle erfassen, die nicht über den offiziellen Kanal kommen.
Woran Sie es merken
- Die Meldestelle wird nicht genutzt, Beschwerden kommen trotzdem, nur woanders an.
- Fristen für Eingangsbestätigung und Rückmeldung werden nicht überwacht, weil niemand sie kennt.
- Fälle werden per Mail bearbeitet. Wer was wann entschieden hat, steht nirgends.
- Die Belegschaft weiß nicht, dass es eine Meldestelle gibt, oder traut ihr nicht.
Warum das passiert
Das Hinweisgeberschutzgesetz wurde als Compliance-Pflicht umgesetzt, nicht als Prozess. Die Meldestelle wurde eingerichtet und dann vergessen. HR, Compliance und Betriebsrat haben parallele Kanäle für ähnliche Fälle, ohne Abstimmung. Und ohne Fallmanagement ist jeder Vorgang ein Einzelstück in einem Postfach.
So gehen wir vor
- Kanäle zusammenführen. Wir erfassen, wo heute Beschwerden und Hinweise eingehen: Meldestelle, HR, Betriebsrat, Führungskräfte, Beschwerdestelle nach AGG. Daraus entsteht ein Prozess, der alle Eingänge in dieselbe Bearbeitung führt, mit Rücksicht auf Vertraulichkeit und Zuständigkeit.
- Fallbearbeitung definieren. Für jeden Falltyp: Wer prüft, wer entscheidet, welche Fristen gelten, wann der Betriebsrat einzubeziehen ist, wann externe Stellen. Mit Vorlagen für Eingangsbestätigung, Anhörung und Abschluss.
- System einrichten. Ein Fallmanagement mit vertraulichem Zugang, Fristenüberwachung, Dokumentation und Berechtigungen, die Vertraulichkeit technisch sichern. Das kann ein spezialisiertes Hinweisgebersystem sein oder ein entsprechend konfiguriertes Ticketsystem, je nach Größe.
- Bekannt machen. Die Meldestelle wird in Onboarding, Intranet und Schulungen erklärt, mit klarer Aussage, was passiert und was nicht. Vertrauen entsteht durch Erfahrung, und die erste Erfahrung muss stimmen.
Was Sie davon haben
- Jeder Hinweis wird erfasst, fristgerecht bearbeitet und dokumentiert, egal auf welchem Weg er kommt.
- Im Streitfall belegen Sie, was Sie getan haben, und wann.
- Probleme werden intern bekannt, bevor sie extern gemeldet werden.
Aus unseren Projekten
Wenn wir die Eingangskanäle für Beschwerden und Hinweise aufnehmen, landet der größte Teil der relevanten Fälle in der Praxis nicht in der offiziellen Meldestelle, sondern bei HR, beim Betriebsrat oder bei Führungskräften. Ein Prozess, der alle Kanäle in dieselbe Bearbeitung führt, ist nach unserer Erfahrung wichtiger als das Meldesystem selbst. Die Fristenüberwachung im System ist der Teil, der im Streitfall den Unterschied macht, weil sie belegt, was wann passiert ist.
Gut zu wissen
Das Hinweisgeberschutzgesetz verpflichtet Unternehmen ab 50 Beschäftigten seit dem 17. Dezember 2023 zu einer internen Meldestelle. Der Eingang ist innerhalb von sieben Tagen zu bestätigen, eine Rückmeldung über Maßnahmen innerhalb von drei Monaten zu geben. Die Vertraulichkeit der Identität ist zu wahren, Repressalien sind verboten, die Beweislast liegt im Streitfall beim Arbeitgeber. Verstöße können mit Bußgeldern bis 50.000 Euro geahndet werden. Daneben gilt die Pflicht zu einer Beschwerdestelle nach § 13 AGG, die sinnvollerweise im selben Prozess geführt wird.
Häufige Fragen
Kann HR die Meldestelle betreiben?
Ja, wenn die Unabhängigkeit gewahrt ist und keine Interessenkonflikte bestehen. Bei Meldungen, die HR selbst betreffen, braucht es eine Vertretung. Viele Unternehmen kombinieren eine interne Stelle mit einer externen Ombudsperson für solche Fälle.
Müssen anonyme Meldungen bearbeitet werden?
Das Gesetz verpflichtet nicht zur Annahme anonymer Meldungen, empfiehlt sie aber. In der Praxis erhöht die Möglichkeit anonymer Meldung die Nutzung erheblich. Wir empfehlen, sie zuzulassen.
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